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Dem Partner gegenüber Zuneigung ausdrücken

15.04.2016

Allen Paaren, die zu mir in Beratung kommen, liegt das gegenseitige Wohlergehen sehr am Herzen. Jeder der beiden könnte mir stundenlang erklären, in welcher Situation der andere ist; warum er das ist; was getan werden müsste, um das Problem zu lösen und wie er oder sie selbst dazu beiträgt, das Problem zu lösen.

 

Leider scheinen alle diese Bemühungen den anderen nicht wirklich zu beeindrucken. Die naheliegendste Lösung scheint dann zu sein, es einfach noch intensiver zu versuchen, noch länger auszuhalten, und noch geduldiger zu sein. Nach zu vielen schmerzhaften Jahren stellen sie dann fest, dass sie nicht mehr weiter wissen, keine Kraft mehr haben und dass sich die harte Arbeit nicht ausgezahlt hat.

 

Was ich in solchen Situationen dann tue, ist, den Partnern zu sagen, dass niemals jemand von ihnen verlangt hat, die Probleme des anderen zu lösen. Niemand ist verantwortlich für das Glück oder Unglück des anderen. Jeder Moment, in dem es einem Partner gelingt, die Vorstellung loszulassen, dass sie alles über den anderen wüssten und dass sie für all' das auch verantwortlich sind, ist ein goldener Moment für beide. Das Wunderbare ist, dass solche kurzen Momente auch nach Jahren unterdrückter oder offener Konflikte die Beziehung wieder erblühen lassen können.

 

Im Folgenden ein Beispiel, an dem ein Paar mich hat teilhaben lassen: Am ersten Morgen nach der Geburt ihres Kindes wünschte sich die Mutter nichts sehnlicher, als ihre Zähne zu putzen. Sie hatte einen Kaiserschnitt gehabt und konnte nicht aufstehen. Die Krankenschwestern waren beschäftigt. Der frischgebackene Vater hatte ein weinendes Kind in den Händen, dem die Windel gewechselt werden musste. Sie bat ihren Mann, ihr die Zahnbürste zu bringen. Er gab sie ihr mit einem unzufriedenen Gesichtsausdruck. Ihr fiel dann ein, dass Sie nichts zum Ausspucken hatte. Sie fragte ihn auch nach einem Becher. Er reagierte nicht mehr.

 

Diese Situation blieb viele Jahre in ihren Gedanken und in ihrem Herzen. Während dem Streit sagte er: „Aber ich war mit dem Baby beschäftigt! Was willst du denn noch? Es war ein teures Krankenhaus! Manche Väter sind bei der Geburt gar nicht erst dabei! Und du beschwerst dich wegen einer Zahnbürste!“ Im Verlauf fand der Vater eine Möglichkeit, keine Vorwürfe herauszuhören, sondern „einfach“ zuzuhören. Er hörte ihre Einsamkeit, ihre Hilflosigkeit und ihre Trauer hinter und zwischen den Worten. Tränen traten ihm in die Augen und er sagte: „Das muss wirklich schrecklich für dich gewesen sein.“

 

Dieses Paar musste sich nie wieder über Zahnbürsten unterhalten.

 

Es ist überhaupt nicht leicht, zurückzutreten und Raum für eine andere Perspektive zu schaffen. Oft ist diese Perspektive ein sehr unangenehmes Gefühl, das ausgedrückt, gesehen und anerkannt werden will. Dieses Leben enthält mehr Leid, Verlust und Enttäuschung als wir das gern hätten. Es ist leicht, einer einzigen Tatsache, einem einzigen Verhalten oder einer einzigen Person die Schuld dafür zu geben. In Wahrheit ist es aber niemandes Schuld, und es kann auch niemand wieder gut machen. Das Einzige, was jede und jeder von uns tun kann, ist, die Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen, für Glück und für Unglück.

 

Und gleichzeitig fühlen wir uns nie so sehr geliebt, wie wenn unser Auserwählter oder unsere Auserwählte neben uns sitzt und voll und ganz mit dabei ist, wenn wir alle diese Aspekte unseres Lebens für uns selbst erforschen.

 

 

Foto: Vorschaubild zur Meldung: Dem Partner gegenüber Zuneigung ausdrücken