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Hausaufgaben und Eigenverantwortung

06.09.2016

Die Schule hat begonnen. Das bedeutet: die Schulkinder kommen mit Hausaufgaben nach Hause. Was nicht bedeutet, dass Sie dann auch selbständig gemacht werden. Was bedeutet, dass Mütter und Väter den Kindern hinterherjagen und Kinder ärgerlich mit Türen knallen, Tränen fließen und auch geäußert wird: „Mama, ich gehe morgen nicht in die Schule. Ich will nicht mehr leben.“

 

Muss das so sein oder läuft hier etwas schief?

 

Man kann in Frage stellen, ob Hausaufgaben für das Lernen und auch als Tätigkeit im Alltag eines Kindes sinnvoll sind. Sind sie im Zweifelsfall höher zu bewerten als Zeit in der Familie, mit Freunden oder zum Spielen und Toben? Aus der Lernforschung gibt es keine eindeutigen Hinweise darauf, dass Hausaufgaben für den Schulerfolg unverzichtbar wären. Der Bildungsforscher John Hattie hat in einer 15 Jahre dauernden Forschungsarbeit 50.000 Studien zum Thema Lernerfolg in einer Metaanalyse zusammengefasst und einen enttäuschenden Effekt von 0,29 für die Hausaufgaben gefunden. Eine Effektstärke zwischen 0,4 und 0,6 gilt hierbei als mittelstark. Der wichtigste Einzelfaktor von 1,44 war die kognitive Reife eines Kindes (Hattie, Visible Learning, 2009).

 

Für ein Kind, was heute in die Schule geht, kommen diese neueren wissenschaftlichen Erkenntnisse zu spät. Um mit guter Laune in die Schule gehen zu können, das sagen uns die Kinder selbst, müssen die Hausaufgaben gemacht sein.

 

Hier einige Tipps im Umgang mit Hausaufgaben.

 

  • Seien Sie sich sehr bewusst, dass Hausaufgaben in der Verantwortung des Kindes liegen. Auch wenn das Kind erst sechs Jahre alt ist. Es ist nicht Ihr Job als Eltern, das Kind dazu zu bringen, Hausaufgaben zu machen. Das ist meine wichtigste Botschaft in diesem Artikel. Ihr Kind braucht Sie in seinem Leben nicht in erster Linie, um ihm zu sagen, was es zu tun hat, sondern um es zu unterstützen, selbstbewusst seinen eigenen Weg zu finden. Vielleicht haben Sie selbst Erfahrung mit Aufgaben, von denen Sie wissen, dass Sie sie machen müssten, es „irgendwie“ aber nicht optimal und zeitnah erledigen? Ihr Kind könnte von diesen Erfahrungen profitieren. Sei es, weil sie es verstehen können und ihm das zeigen; sei es, weil Sie wissen, wie wichtig es ist, sich zwischendurch zu entspannen.

     

  • Gleichzeitig ist es wichtig, dass Sie zuhause den räumlichen und zeitlichen Rahmen für Hausaufgaben schaffen. Es sollte einen einladenden, ordentlichen und ruhig gelegenen Schreibtisch geben. Sagen Sie dem Kind: „Jetzt hast du Zeit, Hausaufgaben zu machen. Später wollen wir Einkaufen gehen und danach gibt es Abendessen und dann ist es Zeit, Schlafen zu gehen.“ Es ist hier auch sinnvoll, vom Klassenlehrer zu erfragen, wie viel Zeit für die Hausaufgaben in der jeweiligen Klassenstufe angesetzt ist.

     

  • Interessieren Sie sich für alle Themen rund um die Hausaufgaben. „Habt ihr heute Deutsch oder Mathe auf?“ „Wie weit bist du gekommen mit den Hausaufgaben?“ Fragen Sie so, wie Sie fragen, wenn Sie sich für etwas interessieren, Freundschaften oder anderes. Und fragen Sie nur, wenn es Sie auch wirklich interessiert. Fragen Sie nicht, um das Kind dazu zu bringen, Hausaufgaben zu machen. Erklären Sie dem Kind die Aufgaben nur, wenn es Sie darum bittet.

     

  • Wenn das Kind keine Hausaufgaben machen möchte, seien Sie einfach für es da. Nehmen Sie es in den Arm, wenn es möchte. Versuchen Sie als Mensch und Freund zu verstehen, was los ist. „Du magst heute nicht? Okay. Ist heute etwas anders als sonst? Wie geht es dir?“ Wenn das Kind langfristig und regelmäßig keine Hausaufgaben macht, dann sind die Hausaufgaben selbst im diesem Moment Ihr kleinstes Problem. Kinder wollen in 99% der Fälle kooperieren und nicht Führen.

     

  • Ich möchte noch kurz auf den Satz zurückkommen: „Ich möchte nicht mehr leben.“ Er bedeutet in Erwachsenensprache übersetzt: „Mein Alltag ist manchmal so schmerzhaft, dass ich das kaum aushalten kann.“ Machen Sie sich mit Ihrem Kind auf Ursachensuche. Verbringen Sie ungezwungen Zeit mit ihm. Sprechen Sie mit der Klassenlehrerin; mit Ihrem Partner über seine Sicht auf die Dinge und mit den Eltern der Klassenkameraden.

 

Dies alles scheint sehr komplex zu sein. Ist es nicht einfacher, dem Kind zu sagen: „Mach' endlich Hausaufgaben!“? Bei den meisten Kindern wird diese Strategie funktionieren (wenn auch mit dem oben erwähnten Drama). Ich sehe die Hausaufgaben als ein oberflächliches Thema von vielen möglichen, mit demselben zugrundeliegenden Thema „Eigenverantwortung“. Es könnte auch Grabenkämpfe in anderen Bereichen geben, in denen die Kinder Eigenverantwortung erlernen müssen, wie z.B. dem Teilen von Spielsachen, dem Zähneputzen oder dem Geldausgeben. Wir kommen jedoch um die Tatsache nicht herum, das, wenn die Kinder selbst Verantwortung übernehmen sollen, wir Erwachsene Ihnen die Kontrolle zuerst überlassen müssen. Ein Ohr darf hierbei immer offen bleiben und eine helfende Hand frei. Wie ein zweijähriges Kind einmal beim Stufenklettern so schön zu seiner Großmutter sagte: „Ich mache es selbst, aber ich mache es nicht alleine.“

 

 

 

Foto: Vorschaubild zur Meldung: Hausaufgaben und Eigenverantwortung