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Führung in der Erziehung

01.10.2016

Während einem Vortrag in Delhi bin ich gefragt worden: „Was mache ich, wenn mein Kind einfach nicht tut, was ich ihm sage? Ich sage morgens an der Tür, er soll die Jacke anziehen, jetzt, und er macht es nicht.“

 

Ich muss an eine Situation mit meiner Tochter denken, die in dieser Woche stattgefunden hat. Vor der Schule steht ein Eisverkäufer. Und jeden Tag wünschen sich meine Kinder nach der Schule ein Eis. Gestern traf der Wunsch meine vierjährige Tochter besonders hart. Sie blieb beim Wagen stehen. Unsere Abmachung für diese Woche war, dass es am Freitag, am letzten Tag der Woche, ein Eis gibt. Gestern war nicht Freitag. Ich sagte: „Nein, heute nicht, ich kaufe am Freitag ein Eis.“

 

Meine Tochter zog an meiner Hand. Als ich die Hand von meiner löste und Richtung Auto ging, blieb sie beim Eiswagen stehen. Als ich meine Tochter auf den Arm nehmen wollte, lief sie ein Stück vor mir weg. Sie verschränkte die Arme. Ich sagte: „Das Eis ist jetzt gerade sehr wichtig für dich, das sehe ich. Mir ist heiß hier draußen, ich will nach Hause Mittag essen. Ich steige schonmal in den Wagen ein, und du kommst dann nach, wenn du soweit bist.“

 

Meine Tochter sprach noch ein wenig mit sich selbst auf der Wiese und stieg nach einer Minute ins Auto ein. Dann lächelte sie mich an und gab mir einen Kuss.

 

Ich kenne den Impuls, das Kind anzumaulen und es am Arm wegzuziehen. In diesem Moment ist ein Eis für mich eine so unwichtige Sache, und dass das Kind in der Öffentlichkeit „Theater macht“, ist sehr unangenehm. Eventuell steht mein Ansehen als Mutter auf dem Spiel.

 

Das bedeutet, in so einem kleinen Moment geht einem selbst viel durch den Kopf, und wir laufen leicht Gefahr, diesen Stress am Kind auszulassen. Wenn Sie merken, dass Sie dem Kind gegenüber wütend werden, atmen sie kurz durch und entscheiden sich, sich für das Kind zu interessieren. Fragen Sie es, was los ist. Warum es nicht das will, was Sie wollen. Falls es nicht antwortet oder keine Antwort hat, bitten Sie es, über die Antwort nachzudenken. Geben Sie dem Kind eine Minute Zeit (indem Sie schweigen und sich entfernen). Dann fordern Sie das Kind erneut auf, ihrer Bitte nachzukommen. In 99% der Fälle wird sich die Situation dadurch geklärt haben.

 

Die Mutter könnte also sagen: „Warum möchtest du die Jacke jetzt nicht anziehen?“ Vielleicht sagt der Junge: „Ich weiß nicht.“ Wenn es ein kleines Kind ist, können Sie die Jacke nehmen, und sagen: „Während ich dir die Jacke anziehe, kannst du überlegen, was dir daran wichtig ist. Wenn du es weißt, sagst du mir Bescheid.“ Ein älteres Kind hat sicher nachvollziehbare Gründe, z.B. es mag eine andere Jacke lieber; ihm ist gerade nicht kalt; oder es will die Jacke lieber in der Hand halten. Erkennen Sie die Motive des Kindes an. Und wenn es Ihnen absolut wichtig ist, dass diese Jacke jetzt angezogen wird, bleiben Sie dabei.

 

Wir als Eltern haben die Führung inne. Dennoch lassen wir uns leicht in einen Machtkampf verwickeln, weil wir denken, wir müssen gewinnen, und wir brauchen ein gehorsames Kind, um zu gewinnen. Vielleicht verfallen Sie auch in den Modus, dass Sie dem Kind gefallen wollen, ihm Frustration ersparen wollen oder Konflikte nicht aushalten können. Ein Kind möchte geführt werden. Es fühlt sich dadurch sicher und begleitet. Es fordert die Führung auch heraus. Es möchte wissen, wo Sie selbst stehen. Behalten Sie die Führung und ersetzen die das Einfordern von Gehorsam durch Interesse an ihrem Kind. Dadurch lernen Sie ihr Kind besser kennen, und das Kind lernt sich selbst besser kennen. Das wird ihre Beziehung stärken. Und wenn die Beziehung zu Ihrem Kind stark ist, wird ihr Kind auch auf das hören, was Sie sagen. Es wird Ihnen dahingehend vertrauen, dass es wichtig ist, die Jacke anzuziehen.

 

Foto: Vorschaubild zur Meldung: Führung in der Erziehung