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Das richtige Maß an Nähe und Distanz

28.03.2017

Du kennst vielleicht die Parabel von Arthur Schopenhauer, in der es um Stachelschweine geht. Die Stachelschweine frieren und versuchen, sich gegenseitig zu wärmen. Doch je näher sie sich kommen, umso stärker schmerzen die Stacheln. Schopenhauer spricht hier schon vor über 100 Jahren davon, wie Menschen in einem Dilemma zwischen Integrität und Kooperation stecken.

 

In meiner Beratung treffe ich Klienten, die eine liebevolle, fürsorgliche und intime Partnerschaft vermissen. Sie haben Herzschmerzen, und manche ein gebrochenes Herz. In den Sitzungen finden wir heraus, was der Vorteil davon ist, keine Beziehung zu haben. Es gibt wohl einen Schmerz, der schlimmer sein kann als das Alleinsein: mit jemandem zusammenzusein und von ihm/ihr verletzt zu werden.

 

Es gibt viele Gründe, aus denen uns die starke Nähe zu anderen schmerzvoll und beängstigend werden kann. Wenn wir als Kind für alles, was wir getan haben, gelobt worden sind, tut es vielleicht weh, wenn andere einfach nur realistisch und ehrlich mit uns sind. Wenn wir einen Elternteil früh durch Tod oder Trennung verloren haben, fühlen wir, dass der Verlust einer Liebe eine existentielle Bedrohung ist. Andere sehen in einer Partnerschaft ihre Freiheit verloren gehen. Was auch immer der Grund ist: er hat seine Wurzeln nicht in der Intimität als Solches.

 

Schopenhauer schlug vor, dass die Schweine die optimale Distanz finden sollten, die die Schmerzen erträglich hält, aber auch ein wenig Wärme zulässt. Ich sehe viele Menschen diese Strategie verfolgen. Leider bringt sie das um die Erfahrung einer erfüllenden und nährenden Partnerschaft: das Glück scheint immer eine Armlänge entfernt.

 

Ich schlage darum eine andere, dynamische Strategie vor: wir können die Nähe noch näher machen und die Freiheit noch größer. Teile deinem Partner deine Bedürfnisse mit. Und sorge unabhängig davon selbst dafür, dass sie langfristig erfüllt werden.

 

Foto: Vorschaubild zur Meldung: Das richtige Maß an Nähe und Distanz