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Sag „Entschuldigung!“

26.04.2017

Ich werde nie den Kindergeburtstag vergessen, an dem ein 2,5jähriges Mädchen meinen 1,5jährigen Sohn voll Karacho umwarf. Wir beiden Mütter kamen angerannt, als wir ihn weinen hörten, und nahmen unsere Kinder auf den Arm. Die andere Mama redete auf ihre Tochter ein: „Sag’ Entschuldigung! Sag’ Entschuldigung! SAG’ ENTSCHULDIGUNG!“ bis mein Sohn noch einmal tief schluchzte und dann fast schon erleichtert sagte: „Entschuldigung!“

 

Es tut mir weh, wenn ich höre, wie Eltern von ihren Kindern verlangen, dass sie ein Gefühl ausdrücken sollen, das sie in diesem Moment mit ziemlicher Sicherheit nicht haben. Ich denke, was sie eigentlich meinen, ist: „Mein Kind genügt gerade meinen moralischen Standards nicht. Oder zumindest dem Standard, von dem ich denke, dass ihn die anderen Eltern haben. Nur eine zügige und laute Entschuldigung meines Kindes kann unseren guten Ruf wieder herstellen.“ Das ist eine große Last auf sehr kleinen Schultern.

 

Kinder werden aggressiv, wenn eines ihrer Bedürfnisse nicht erfüllt wird. Die angemessene Reaktion von Erwachsenen wäre Neugier und Mitgefühl. Sicherlich nicht eine mahnende Stimmlage oder gar Bestrafung.

 

Wir lösen doch keine wirklichen Probleme, wenn wir unseren Kindern antrainieren, sich zu entschuldigen, wenn sie keine Reue spüren. Wir trainieren ihnen eine nette soziale Maske an, hinter der sie ihre wahren Gefühle verstecken müssen. Sie werden, wenn sie erwachsen sind, viel Zeit und Geld in eine Psychotherapie investieren müssen, um diese Maske ablegen zu lernen und ihre wahren Bedürfnisse und Gefühle dahinter zu entdecken.

 

Mein Sohn hat die Dringlichkeit in der Stimme der anderen Mutter nicht verstanden. Er war noch erschreckt davon, umgeworfen worden zu sein. Er brauchte Trost und Mitgefühl. „Du wurdest wirklich hart umgeworfen und du weißt garnicht warum, hm? Was für ein Schreck. Ich kann das sehen.“

 

Auch seine Freundin brauchte Mitgefühl. „Wow du bist echt wütend! Was ist passiert? Hat er dir dein Spielzeug weggenommen? Hier sind viele Kinder, die alle deine neuen Spielsachen haben wollen oder? Das ist auch viel für dich. Ich kann das sehen. Mal sehen wie du ein bißchen ausruhen kannst.“

 

Am besten lernen Kinder Mitgefühl und Miteinander Teilen, wenn sie selbst ausprobieren dürfen, wie es sich anfühlt, etwas eben auch mal NICHT zu teilen und die Enttäuschung des Gegenübers zu spüren. Sie brauchen diese Momente der inneren Freiheit, damit sie selbst den richtigen Weg finden können. Sie werden es lernen, und sie werden es in ihrem eigenen Tempo lernen. Dieser Prozess, herauszufinden, wie man unter all den anderen Menschen existieren kann und sich selbst dabei treu bleiben kann, dauert ein Leben lang. Nehmen wir uns die Zeit und das Interesse, unsere Kinder zu begleiten anstatt ihnen ständig dabei im Weg zu stehen.

 

Die Kinder werden nicht die Einzigen sein, die dabei etwas lernen.

 

Foto: Vorschaubild zur Meldung: Sag „Entschuldigung!“