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Schuld

20.12.2018

„In Gedanken gehe ich unsere Telefongespräche immer wieder durch. Ich wiederhole diesen Abend in meinem Kopf. Ich denke an die Jahre, die wir zusammen verbracht haben. Was habe ich falsch gemacht? Ich erinnere mich, dass ich an diesem Abend nicht leidenschaftlich genug war. Ich erinnere mich, dass ich zu viel von ihm verlangt habe! Und dass ich in dieser what’s app Nachricht, die ich ihm geschickt hatte, wütend klang. Es ist meine Schuld. Ich bin so bedürftig. Wie beschämend, so bedürftig zu sein. “

 

Es ist meine Schuld. Ich weiß es. Ich beschuldige mich selbst. Ich bin eine schreckliche Person.

 

Früher oder später bekomme ich in einer Therapie einen dieser Gedanken von meinen Klienten zu hören, zusammen mit dem Gefühl der Verlegenheit, der Scham und der Wut gegenüber sich selbst. 

 

Warum beschäftigen wir uns mental so sehr mit Auseinandersetzungen mit anderen Menschen? Weil unser Gehirn im Laufe von vielen hunderttausenden von Jahren so geworden ist. Wir sind als Menschen hervorragend in der Zusammenarbeit, weitaus besser als jedes andere Säugetier. Wir mussten immer zusammenarbeiten, um überleben zu können. In der Lage zu sein, einen guten sozialen Status zu bewahren, bedeutete und bedeutet auch heute noch, leben zu können. Wenn du diesen Teil unseres Affenhirns verstehst, wird es einfacher sein, einen Schritt zurückzutreten, ihn zu akzeptieren und möglicherweise für einige Augenblicke nicht mehr zu unterhalten.

 

Warum suchen wir jemanden, der schuldig ist? Aus demselben Grund: weil unser Gehirn im Laufe der Evolution so geworden ist. Wir suchen ständig nach Ursache und Wirkung. Es macht das Leben für uns vorhersehbar. 

 

Warum beschuldigen wir uns selbst? Weil wir uns selbst dadurch versichern können, dass wir im Leben eine gewisse Kontrolle hatten und haben. Es erlaubt uns, wütend zu sein. Wütend zu sein ist ein wirksames, kurzfristiges Antidepressivum (mit vielen negativen Nebenwirkungen). Wenn wir im Leben keine Kontrolle haben, was haben wir dann?

 

Das Loslassen von Selbstbeschuldigungen und negativen Beschreibungen von sich selbst kann das Gefühl von Verlust und Trauer auslösen. Mein Vater hat mich nicht wegen meiner abstoßenden Persönlichkeit verlassen, sondern aus Gründen, auf die ich keinen Einfluss hatte. Die Beziehung zu meiner Mutter ist nicht beschädigt, weil ich eine schlechte Tochter bin, sondern weil das Leben, die Umstände, der Zufall und ihre früheren Entscheidungen sie von mir weggetrieben haben; sie entziehen sich gänzlich meiner Kontrolle. Meine Exfrau entschied sich zu gehen, weil wir nicht zusammengepasst haben, auch wenn wir alles darangesetzt hatten, die Ehe zu retten. Mein Baby starb im Mutterleib, nicht weil ich eine schlechte Mutter bin, sondern weil die biologischen Mechanismen in der Schwangerschaft manchmal nicht funktionieren.

 

Ich bin jetzt hilflos, ich habe diese Liebe verloren, ohne Einflussmöglichket. Das macht einen großen Teil unseres Lebens aus, auch wenn wir das oft ausblenden, denn es ist sehr traurig und beängstigend. Der Verlust ist real und erfordert einen Trauerprozess. Und dann und nur dann kann ein neues Kapitel beginnen. Die gute Nachricht ist: Es ist NICHT deine Schuld. Die schlechte Nachricht ist: Dies zu verhindern war und ist in der Tat außerhalb deiner Kontrolle, und du hast verloren. Schenke dir selbst Zeit und Mitgefühl für diesen Trauerprozess. Dieser Verlust wird von nun an ein Teil Ihres Lebens sein. Er wird seine Form verändern und nicht mehr so sehr brennen, aber er wird deinem Herzen in Erinnerung bleiben.

 

In Wahrheit haben wir keine Kontrolle über viele Aspekte unseres Lebens. Wir haben keine Kontrolle über unsere Gene, unsere soziale Umgebung zur Zeit unserer Geburt und Kindheit, unsere Erziehung oder das Verhalten und die Bedürfnisse anderer Menschen. Die Forschung zeigt sogar, dass wir keine Kontrolle über unsere Gedanken haben. Du kannst nicht auswählen, welcher nächste Gedanke in deinem Bewusstsein erscheint (weitere Einzelheiten findest du in Sam Harris’ Buch: „Free Will“.)

 

Dieses Wissen über uns selbst kann eine Ressource sein, etwas Positives. Schuld ist eine Kategorie, die in Psychologie und Beziehungen völlig nutzlos ist. Die nützliche Kategorie scheint hier Verantwortung zu sein. Wir sind verantwortlich für die Auswirkungen, die wir auf uns selbst und andere Menschen haben. Wie können wir heute Verantwortung gegenüber uns selbst und anderen ausüben? Wir können versuchen, unsere Handlungen und Reaktionen mit großer Liebe und Einfühlungsvermögen zu verstehen, um in Zukunft klügere Entscheidungen zu treffen. Wir können uns Hilfe suchen. Wir können uns anderen, mit denen wir eine lebendige Beziehung führen wollen, öffnen, damit sie uns besser kennen lernen. Wenn wir auf diese Art Verantwortung zeigen, zeigen wir wahre menschliche Stärke.

 

Ich wünsche dir, liebe Leserin, lieber Leser dieses Blogposts, schöne Feiertage und ein sehr gutes neues Jahr 2019!

 

Foto: Vorschaubild zur Meldung: Schuld