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Bindungsstile und wie sie uns beeinflussen

04.06.2021

Hast du schonmal erlebt, dass Gefühle wie Enttäuschung, Herzschmerz und Wut sehr schnell in dir hochkochen, wenn dein/e Partner/in sich nicht so verhält, wie du das gerne hättest? Es geht vielleicht sogar objektiv gesehen nicht um viel. Du weißt ganz genau: ihr seid in einer festen Beziehung. Du bist die wichtigste Person im Leben deiner/s Partnerin/s. Er/sie hat dir bereits auf viele Arten gezeigt, wie wichtig du ihm/ihr bist. Vielleicht habt ihr geheiratet, Kinder bekommen, eine Immobilie gekauft.

 

Und dennoch könntest du ausrasten, wenn er/sie zuviel von dir verlangt, oder eben zuwenig gibt. Warum ist das so? Die Bindungsforschung hat darauf gute Antworten gefunden. In unserer Psyche ist ein Beziehungsmuster integriert, das darüber bestimmt, welches Nähebedürfnis wir in sehr nahen Beziehungen haben. Am stärksten aktiviert unsere Liebesbeziehung dieses Beziehungsmuster.

 

Hören wir drei Erwachsenen bei der Beschreibung ihrer Partnerschaft zu (Übereinstimmungen mit real existierenden Personen wäre rein zufällig):

 

Bea: „Wir hatten eine Zeit lang eine Fernbeziehung. Uns beiden ist unser Beruf wichtig. Nach einer Weile haben wir beschlossen, dass wir gut zusammen passen. Wir haben einen gemeinsamen Freundeskreis und genießen es, Zeit miteinander zu verbringen. Aber jede von uns hat auch eigene Hobbys. Bald sind wir 10 Jahre zusammen. Wir planen eine größere Reise, wenn die Corona-Lage es zulässt. Ich freue mich schon darauf.“

 

Constanze: „Ich bin eigentlich nicht sehr wählerisch, aber es hat lange gedauert, bis ich in einer festen Beziehung gelandet bin. Je älter man wird, desto mehr weiß man auch, was man möchte, und vor Allem, was man nicht möchte. Mein Freund will unbedingt mit mir zusammen ein Haus kaufen, aber ich denke nicht, dass das etwas ist, das ich auch möchte. Mir ist meine Freiheit sehr wichtig.“

 

Martin: „Meine Freundin ist eine tolle Frau, ein sehr interessanter Mensch. Aber unsere Beziehung ist auch anstrengend. Wir sind schon vier Jahre zusammen, aber ich denke oft darüber nach, ob sie die Richtige für mich ist. Wir haben zwei Kinder, und wenn wir es endlich geschafft haben, Paarzeit zu haben, möchte sie nicht über ihre Gefühle sprechen.“

 

Schon Babies und Kleinkinder lassen sich einem von vier Bindungstypen zuordnen, wobei die meisten Menschen zu einer von drei Kategorien gehören:

 

  1. Sicher gebundene Menschen fühlen sich mit Nähe und Intimität wohl. Sie unterstützen ihre/n Partner/in gerne und haben Vertrauen in ihre Partnerschaft. Ihr Verhalten ist berechenbar, man kann sich auf sie verlassen. Sie sagen, was sie wollen und was nicht, ohne mißtrauisch zu sein oder Spielchen zu spielen. Ca. 50 % der Menschen sind sicher gebunden.

  2. Ängstlich gebundene Menschen haben ein großes Bedürfnis nach Nähe. Sie wollen mehrfach täglich eine Rückversicherung, dass sie geliebt werden. Sie interpretieren ständig das Verhalten ihrer/s Partner/in und deuten neutrales Verhalten oft als Ablehnung. Sie brauchen lange, um eine solche Ablehnung zu verzeihen. Ca. 25% der Menschen sind ängstlich gebunden.

  3. Vermeidend gebundene Menschen sehnen sich zwar im tiefsten Inneren ebenso nach Nähe wie alle, aber wenn es um den konkreten Kontakt im Hier und Jetzt geht, schrecken sie schnell zurück; sie fühlen sich schnell eingeengt und bedrängt. Ca. 20% der Menschen sind vermeidend gebunden.

 

Kannst du den Beispielen einen Bindungstyp zuordnen? Versuche es! Gleich kommt die Auflösung.

 

Bea ist sicher gebunden. Sie hat sich Zeit gelassen, ihren Partner kennenzulernen. Sie genießt die Zweisamkeit, kann aber auch auf eigenen Beinen stehen.

 

Constanze ist vermeidend gebunden. Sie hat eine konkrete Vorstellung von ihrem Traummann (oft ist das ein Ex oder ein anderweitig unerreichbarer Mensch), die sie davon abhält, sich voll und ganz auf ihre Beziehung einzulassen.

 

Martin ist ängstlich gebunden. Er sucht oft Nähe, um seine Angst, nicht gut genug zu sein, in Schach zu halten. Wenn seine Partnerin zu spät auf seine Bedürfnisse reagiert, bleibt er in einer negativen Gefühls- und Gedankenschleife hängen, aus die er nur sehr schwer wieder herausfindet.

 

Den vierten Bindungstyp, desorientiert gebunden, gibt es selten. In diesem Muster kommen Ausschläge in beide Richtungen vor: starkes Nähebedürfnis im Wechsel mit starkem Abgrenzungsdrang.

 

Unser Bindungssystem ist deshalb so mächtig, weil es in unser ganzes Wesen hineinregiert: Nervensystem und Hormone; Gefühle, Gedanken und Verhalten hängen miteinander zusammen und verstärken sich gegenseitig. Ängstlich Gebundene versuchen, ihr aktiviertes Bindungssystem zu beruhigen, indem sie Nähe suchen; und vermeidend Gebundene, indem sie Nähe vermeiden.

 

Es gibt viele gute Nachrichten. Erstens: die Forschung gibt dir hier einen guten Grund, das Verhalten deiner/s Partnerin/s nicht mehr so persönlich zu nehmen. Es hat sehr viel weniger mit dir zu tun, als du bisher dachtest. Zweitens: Die Paarung zwischen sicher und unsicher gebundenem Bindungsstil ergibt in der Regel eine erfolgreiche Beziehung. Drittens: Die Paarung ängstlich/vermeidend gebunden ist zwar problematisch, aber ein solches Paar kann erfolgreich trainieren, ein sicheres Bindungsverhalten an den Tag zu legen. Der Bindungsstil eines Menschen verändert sich über die Zeitspanne hinweg. Ängstlich gebundene Menschen verlieren ihre Angst z.B. im Alter.

 

Wie funktioniert das nun, das eigene Verhalten Richtung „sicher gebunden“ zu trainieren? Dieser Frage widme ich meinen nächsten Text.

 

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