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Umgang mit starker Wut in Beziehungen

26.08.2021

Photo by Darius Bashar on Unsplash

 

Hattest du schon einmal eine wahnsinnige Wut auf deinen Herzensmenschen? Du warst so wütend, wenn dir ein Anwalt die Scheidungspapiere unter die Hand gehalten hätte, hättest du unterschrieben? Du warst kurz davor, die schlimmsten Schimpfwörter, die du kennst, auszustoßen?

 

Und einige Zeit später, eine Stunde, oder auch drei Tage später, kannst du kaum noch eine Verbindung zu dieser Wut spüren. Es gibt zwar eins, zwei Verhaltensweisen, von denen du weißt, dass du sie dir von deinem Herzensmenschen anders wünschen würdest, aber das erklärt nicht die volle Wucht deiner Wut?

 

Psychotherapeuten sprechen auch vom „getriggert sein“. „To trigger“ bedeutet: auslösen. Eine Situation hat deine Gefühle ausgelöst, aber sie ist nicht die Ursache deiner Wut. Was ist dann die eigentlich Ursache?

 

Extreme Wut auf deinen Herzensmenschen in einer Situation, in der er/sie deine Bedürfnisse nicht so erfüllt, wie du dir das vorgestellt hast, kann ein Teil des ängstlichen Bindungsstils sein. Die Gedanken in diesem Bindungstypen laufen in etwa so ab: „Jetzt frage ich EIN MAL nach einer völlig normalen Sache und werde dann SO DERMASSEN abgelehnt. Ich bin doch nicht so dumm/fett/hässlich, dass ich das verdient habe? Wie erniedrigend das ist. Er/sie versteht mich einfach nicht und wird mich nie verstehen. Ich bekomme hier nie, was ich brauche.“

 

Von außen betrachtet sieht die Situation etwas anders aus. Es kann sein, dass viele andere Bedürfnisse bereits erfüllt wurden, oder dasselbe Bedürfnis, nur auf eine andere Art und Weise oder zu einem anderen Zeitpunkt. Aber ängstlich gebundene Menschen empfinden manchmal alles, was nicht komplett nach ihrer eigenen Vorstellung geht, als kalte, harte Abweisung. Das hilft natürlich nicht gerade dabei, die immense Einsamkeit und Angst zu lindern, die zeitweise in ihnen wohnt.

 

Im heutigen Artikel möchte ich eine kurze Übung zum Innehalten vorstellen, die genau in solchen Wut-Momenten hilft, in denen du in ein anderes Zimmer gelaufen bist, mit der Tür geknallt hast, und dir nicht mehr vorstellen kannst, jemals wieder mit deinem Herzensmenschen zu sprechen. Leg’ dich auf die Couch, das Bett, den Boden oder setze oder stelle dich hin, wie es am Besten geht. Spüre dann in deinen Körper, wo die Wut sitzt. Im Bauch? In der Kehle, vom Weinen? Im Kopf? An diese Stelle legst du eine oder zwei Hände. Dann sagst du dir folgende Worte:

 

In diesem Moment bin ich (scheißwütend). (Setze ein passendes Adjektiv ein.)

In (meinem Bauch) ist (ein Klumpen Wut). (Finde einen Satz, der zu deinem Körper passt.)

Dieses Gefühl schmerzt.

Es ist ein altes Gefühl. Ich kenne es schon.

Es ist gegen die Menschen gerichtet, die mich in der Vergangenheit im Stich gelassen haben.

So fühlt sich mein Bindungssystem an, wenn es aktiviert ist.

Es versucht mich zu schützen.

Jetzt bin ich erwachsen und habe Unterstützung und Liebe in meinem Leben.

Möge ich liebevoll zu mir selbst sein.

 

Diese Technik ist angelehnt an die Selbst-Mitgefühl-Methode von Psychologin Dr. Kristin Neff.

 

Eine Klientin hat mich gefragt: wie ist es möglich, einem so starken Gefühl so rational zu begegnen? Nun, das Gefühl ist ein Scheinriese. Es ist nur so lange bedrohlich und übermächtig, solange man nicht genau hinschaut. Wenn du diesem Gefühl einen Namen gibst, fühlt es sich gesehen, es hat seinen Job quasi erledigt und kann dich wieder verlassen.

 

Wenn du auf diese Weise für dich Sorge getragen hast, kannst du dich deinem Herzensmenschen auch wieder zuwenden, ohne dabei die schlimmsten Schimpfwörter zu verwenden.

 

 

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