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Ich brauche keinen Seelenklempner!

14.04.2018

Als Psychologin* ruft man in der Regel eine der folgenden Reaktionen hervor: „Oh, da muss ich ja aufpassen, was ich sage!“, als ob ein ungeschickter Satz mich in die Lage versetzte, tief in die Seele des Gegenübers zu blicken. Andere teilen ihre Gedanken darüber, was in der Psyche der Gesellschaft schief läuft. Manche stecken meine Karte sehr gerne ein, für eine Freundin, oder vielleicht für sich selbst, man weiß ja nie wann es mal eng wird und gute Hilfe wichtig ist. Eine Reaktion, die die Leute mir nicht offen zeigen, ist diese: „Ich brauch’ keinen Beratungsheini. Ich hab’ meine Probleme selbst im Griff. Was kann die schon für mich tun?!“

 

Viele Faktoren beeinflussen die Einstellung gegenüber Psychotherapie. Die gesellschaftliche Akzeptanz in Europa bewegt sich irgendwo in der Mitte zwischen dem unbeschwerten Bejahen in den USA und der weitgehenden Ablehnung in Indien. Dann gibt es noch diejenigen, die schlechte Erfahrungen mit einer Person aus dem erweiterten Berufsfeld gemacht haben (beispielsweise ein Sozialarbeiter an der Schule, der gegen das Mobbing nichts ausrichten konnte; eine Schulpsychologin, deren Diagnostik nichts half oder ein Feedbackgespräch mit einem Psychologen der Firma, der einen schmerzhaften Kommentar anbrachte).

 

Ich möchte auf einige der Bedenken eingehen.

 

1. Ich bin nicht verrückt!

 

Niemand muss verrückt sein, um in manchen Situationen Unterstützung zu brauchen. Das Leben hat harte Überraschungen auf Lager. (Abgesehen davon - sind wir nicht alle ein wenig verrückt?!)

 

2. Ich habe meine Probleme selbst im Griff.

 

Ich stimme zu, dass jeder selbst für sich verantwortlich ist. Auch einen Weg in ein zufriedeneres Leben können Sie nur selbst gehen, niemand sonst kann das für Sie tun. Wenn man zu kämpfen hat, warum dann nicht das Wissen und den Erfahrungsschatz einer Expertin nutzen? Eine Platzwunde könnten Sie vielleicht auch selbst mit Nadel und Faden nähen. Sie müssen es aber nicht. Sie gehen zum Arzt. Und das ist vernünftig.

 

3. Sie wissen gar nichts über mich!

 

Auch das stimmt. Sie sind und bleiben ihre eigene Expertin, eine einzigartige Person. Therapeuten werden nur auf das reagieren, was Sie von sich zeigen. Nehmen Sie von dieser Reaktion mit nach Hause, was sie sinnvoll finden, und sagen Sie ganz klar „Nein“ zu allem anderen.

 

4. Sie können sowieso nichts für mich tun.

 

Das kann auch vorkommen. Meine Klienten berichten davon, dass ihre Gefühle und Gedanken sortiert worden sind; dass sie klarer denken können; dass sich wirklich verstanden fühlen; vielleicht sogar zum ersten Mal seit langer Zeit oder sie verstehen und akzeptieren sich selbst und / oder ihre Familienmitglieder besser. Ich muss aber auch sagen, dass nicht jede Klientin das Gefühl hat, von meiner Beratung zu profitieren.

 

Psychologische Experten in der westlichen Welt haben bis in die 70er einen weißen Kittel getragen und wurden als Teil der „Götter in weiß“ angesehen. Moderne Therapeutinnen weisen diese Rolle zurück. Sie möchten auf Augenhöhe mit ihren Klientinnen arbeiten.

 

Psychotherapieforschung zeigt, dass die Beziehung zwischen Therapeutin und Klientin der wichtigste Erfolgsfaktor einer Therapie ist. Wenn sie es ausprobieren möchten, schauen sie auf die berufliche Qualifikation und Erfahrung und finden Sie in einer Probesitzung heraus, ob sie dieser Person vertrauen können.

 

* es sind im ganzen Artikel immer beide Geschlechter gemeint.

 

Foto: Vorschaubild zur Meldung: Ich brauche keinen Seelenklempner!