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Wie fühlt sich wahre Liebe auf die Dauer an?

15.12.2021

Wahre Liebe ist stark und erhebend. Sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles. So steht es im Hohelied der Liebe (Bibel), und so empfinden wir das auch, wenn wir in jemanden verliebt sind. Wir spüren in uns den Wunsch und die Fähigkeit, zu lieben. Warum, verdammt noch mal, ist es dann mit (d)einer Liebesbeziehung im im Hier und Jetzt so schwierig? Wann lohnt es sich, zu kämpfen, wann lohnt es sich, zu bleiben, und wann ist es das Beste, zu gehen?

 

2021 war für mich ein unglaublich spannendes Jahr, in dem ich mit so vielen Liebenden in Kontakt gekommen bin wie noch niemals zuvor. TikTok hat das möglich gemacht.

 

Und ich habe festgestellt: wenn ich in meinen Videos davon erzähle, dass auch gute Partnerschaften sich ab und zu anfühlen wie das Schmoren in der Vorhölle; dass Beziehung stellenweise harte Arbeit ist, auch wenn auf beiden Seiten reflektierte und anständige Menschen stehen; dann geschieht eine Art virtuelles Raunen, und es gibt Reaktionen wie: „Hätte das mein Ex mal gewusst!“ oder „Die Menschen geben viel zu früh auf.“ Da viele sehr junge Menschen auf der App sind, darf auch das „Ist uns noch nie passiert und das wird auch immer so bleiben!“ als Reaktion nicht fehlen.

 

Deshalb möchte ich auch auf meinem ältesten Kanal, meinem Blog für Liebende, kurz vor dem Familienfest Weihnachten, nochmal meine wichtigste Botschaft betonen: Die Liebe in jeder Langzeitbeziehung geht durch Höhen und Tiefen. Je nachdem, welche Aufgaben ein Paar bewältigen muss, kann ein Tief auch in einem schweren Bruch bestehen, der einen Neustart erfordert und die ganze Beziehung für immer verändert. Den himmelsgleichen Zustand der anhaltenden Verliebtheitsgefühle können wir unmöglich für immer festhalten.

 

Deshalb lasst uns aufhören, an die Liebe so zu denken, als ob wir nur unsere/n Seelenverwandte/n finden müssten, und dann wäre alles gut. Das ist eine schöne Illusion, aber sie hält uns in einem Zustand des Stillstandes gefangen. Würde mich jemand bitten, eine Neuauflage des Hoheliedes zu schreiben, würde das folgendermaßen klingen: Die Liebe entfaltet sich dort zu ihrer ganzen Kraft, wo wir unsere eigenen Bedürfnisse erkennen, uns für die Bedürfnisse unseres Herzensmenschen öffnen, und alles, alles was in dieser Begegnung auftaucht, anschauen und liebevoll und ergebnisoffen anerkennen. Auch Gefühle und Wünsche, die wir für falsch halten und die uns enttäuschen; die gegen die Konvention oder eine Regel verstoßen, oder die sich zu bedrohlich anfühlen, um sie gelten zu lassen.

 

Es ist eigentlich umgekehrt. In Liebesbeziehungen arbeiten und wachsen wir als Persönlichkeiten, sei es zwischen Eltern und Kindern oder zwischen Liebenden. Die Phase der Verliebtheit ist wie eine angenehme Narkose, um wieder neue „Entwicklungshelfer/innen“ in unser Leben zu schleusen. Egal ob wir in unserem Erwachsenenleben mehrere längere oder eine lebenslange Beziehung führen: Abschied, Enttäuschung und Widersprüche werden uns begleiten.

 

Wenn du also an diesem Weihnachten wieder mit deiner Familie (oder ohne) vor dem Baum sitzt, denke daran: so wie von diesem Tag an wieder mehr Sonne auf die Pflanzen scheint, so sind dir Menschen an deine Seite gestellt, die dich wachsen lassen, so dass du - nicht immer, aber immer wieder - blühen kannst.

 

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