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Beruhige dich!

20.01.2022

Ist dir schonmal aufgefallen, dass deine ganze Wahrnehmung und deine Gedanken, wenn du wütend bist, sich grundlegend unterscheiden von deiner Wahrnehmung und deinen Gedanken, wenn du entspannt bist? Wenn du entspannt bist, gehst du mit anderen Menschen ruhiger und großzügiger um, und du bist besser darin, Informationen zu verarbeiten und Probleme zu lösen.

 

Deshalb lautet ein Satz in der Paartherapie: „Das Eisen soll man schmieden, wenn es kalt ist.“ Wenn du merkst, dass du so wütend wirst, dass du nur noch beschimpfen und beschuldigen kannst, solltest du dich erst einmal beruhigen, bevor du wieder in einen Austausch gehst. (Nach wie vor gilt allerdings: Der Satz „Beruhige dich!“ ist Tabu. Den darf nur jede/r sich selbst sagen.)

 

Es gibt drei Arten, wie du dich beruhigen kannst:

 

  1. Autoregulierung:

Du beruhigst dich alleine. Du lenkst dich ab, schreibst Tagebuch, machst eine Atemübung oder gehst draußen spazieren etc.

 

  1. Externe Regulierung:

Du rufst eine Freundin oder einen Freund an, oder ein Familienmitglied, oder schreibst ihm/ihr eine Nachricht, oder du versuchst, trotz angespannter Stimmung immer wieder auf deine/n Partner/in zuzugehen. Die Energie fließt hier einseitig. Du möchtest Aufmerksamkeit und Trost, ohne deinerseits etwas zu geben oder wirklich offen zu sein für die Bedürfnisse deines Gegenübers.

 

  1. Co-Regulierung:

Beide Partner/innen geben sich Aufmerksamkeit und entspannen sich durch Geben und Nehmen. Bei einem Kind und einem Elternteil bedeutet das, dass beide abwechselnd die Führung übernehmen. Ein Liebespaar kuschelt, redet, oder geht gemeinsam einer Aktivität nach o.ä.

 

Dein Bindungsstil sagt vorher, welche Art der Regulierung du bevorzugst. Vermeidend gebundene Menschen neigen zur Autoregulierung. Sind sie innerlich aufgewühlt, suchen sie oft, eher zu oft, die Einsamkeit, um sich zu beruhigen. Ihren Drang, allein zu sein, begründen sie damit, dass sie sich erst einmal beruhigen müssen. Vermutlich waren in der Vergangenheit die wichtigsten Bezugspersonen nicht besonders hilfreich im Lösen von Problemen.

 

Ängstlich gebundene Menschen suchen dagegen die externe Regulierung. Sie möchten von jemand Anderem beruhigt werden. Sie erwarten vom Partner/der Partnerin, dass er/sie weiß, was zu tun ist, ohne dass sie ihre Bedürfnisse kommunizieren müssen. Sie begründen diesen Impuls damit, dass sie das Problem eben jetzt/vor dem Schlafengehen etc. noch lösen wollen. Vermutlich waren in der Vergangenheit die wichtigsten Bezugspersonen, wenn es drauf ankam, mindestens emotional abwesend.

 

Der Königsweg, und, du ahnst es schon, der Weg, den sicher gebundene Menschen einigermaßen leicht gehen können, ist, auf Augenhöhe, zuversichtlich, geduldig und mit Wohlwollen, in den Kontakt und in die Co-Regulierung zu gehen.

 

Manche Paare haben nie gelernt -oder es wieder verlernt- sich zu co-regulieren. Wenn du dich also dabei beobachtest, alles erst einmal allein durchdenken zu wollen, erinnere dich daran, dass dein/e Partner/in dir helfen kann.

 

Wenn du auf der anderen Seite mal wieder schmollend darauf wartest, dass dein/e Partner/in dich beruhigt, frag’ dich erst einmal, ob du deinerseits denn auch Interesse an seiner/ihrer Perspektive hast.

 

Hast du deine bevorzugte Beruhigungsmethode im Artikel wiedergefunden? Es ist immer gut, Zugang zu vielen Möglichkeiten zu haben - ich hoffe, der Artikel trägt dazu bei.

 

Bild zur Meldung: Beruhige dich!